Kantei: wie man eine Klinge betrachtet
Kantei heißt, eine Klinge so lange zu betrachten, bis man sagen kann, wer sie wann und wo geschmiedet hat, bevor man die Signatur liest. Hier steht die Methode: in welcher Reihenfolge man schaut, welche Frage jeder Schritt beantwortet, was die Angel außer dem Namen festhält, was ein oshigata ist und wie das Spiel funktioniert, mit dem japanische Liebhaber seit Jahrhunderten ihr Auge schulen. Das Ergebnis all dieser Arbeit, das Papier, hat ein eigenes Thema: NBTHK-Papiere.
Was Kantei ist (und was nicht)
Kantei (鑑定) bedeutet heute, eine Klinge einem Schmied, einer Schule, einer Provinz und einer Epoche zuzuschreiben, und zwar nach dem, was an ihr zu sehen ist: Form, Stahl, Härtung und Angel. Dasselbe Wort bezeichnet auch das Zertifikat, das diese Zuschreibung festhält, das kanteisho (鑑定書), und das Spiel, bei dem man den Schmied bei verdeckter Signatur errät; davon weiter unten.
Das ältere Wort ist mekiki (目利), „ein Auge haben“. Nach dem Forscher Markus Sesko beurteilte das mekiki vor allem die Qualität einer Klinge nach ihrem Aussehen; in der Muromachi-Zeit wich es einem Kantei, dessen Hauptzweck bereits die Zuschreibung war. Dass es schon im 14. Jahrhundert Kenner gab, die bei Schwertern „das Gute vom Schlechten“ unterschieden, überliefert eine Chronik jener Zeit, das Masukagami (増鏡).
In den Werkstätten spricht man auch von einem Urteil der Krieger, dem buke-mekiki (武家目利), dem „Auge des Samurai“, das stets neben dem der berufsmäßigen Gutachter gestanden haben soll. Nach dieser Überlieferung achtete es auf das, was für den Träger der Klinge zählte, ihre Güte und ihre Schneidfähigkeit, mehr als auf das Bild der Härtelinie, und in der Momoyama-Zeit, als die Hon'ami schon die Gunst von Toyotomi Hideyoshi genossen, gab es weiterhin Krieger mit dem Ruf von Kennern, etwa den daimyō und Dichter Hosokawa Yūsai oder das Haus Hasegawa aus Mino, dem man Stammbäume von Schmieden und Alben mit Abrieben zuschreibt. Heute umfasst das Wort kantei das Urteil, das Papier und das Spiel, doch die Frage des Kriegers steht hinter allem: nicht nur, von wem die Klinge ist, sondern ob sie gut ist.
Zwei Dinge ist Kantei nicht. Es ist nicht das Lesen der Signatur: Im Idealfall kommt die Signatur zuletzt und bestätigt nur, was die Klinge schon gesagt hat, denn eine Signatur lässt sich leichter fälschen als die Arbeitsweise eines Schmieds. Und es ist nicht das Papier: Ein Papier hält das Urteil einiger Experten zu einem bestimmten Zeitpunkt fest; es ändert, was man von der Klinge hält, aber die Klinge bleibt dieselbe wie vor der Prüfung (siehe NBTHK-Papiere).
Die Reihenfolge des Blicks: zuerst die Form, zuletzt das nakago
Üblich ist, bei Autoren wie in den Schulen, an derselben Stelle zu beginnen und zu enden: zuerst die Form (sugata, 姿), zuletzt die Angel (nakago, 茎). Dazwischen betrachtet man den Stahl (jigane, 地鉄), die Härtung (hamon, 刃文) und die gehärtete Spitze (bōshi, 帽子), und die Reihenfolge dieser Schritte wechselt von Autor zu Autor: Manche nehmen den Stahl vor der Härtung, andere, wie die europäische Zweigstelle des NBTHK, die Härtung vor dem Stahl. Was sich wiederholt, ist die Reihenfolge an beiden Enden.
Jeder Schritt beantwortet eine andere Frage:
| Schritt | Worauf man schaut | Was er verrät |
|---|---|---|
| 1. Form | Länge, Krümmung und wo ihr tiefster Punkt liegt, Breite, Stärke, Größe der Spitze | die Epoche |
| 2. Stahl | Dichte und Muster des hada, Farbe und Klarheit des Metalls | die Region oder die Schule |
| 3. Härtung | Verlauf des hamon, nie und nioi, Aktivität in der Härtung | die Schule oder den Schmied |
| 4. Spitze | wie die Härtung im bōshi umbiegt | grenzt Schule und Schmied weiter ein |
| 5. Angel | Patina, Feilstriche, Löcher, Signatur | bestätigt und datiert manchmal |
Die Form betrachtet man aus Abstand: die Klinge senkrecht, mit ausgestrecktem Arm, um Proportionen, Krümmung und Gleichgewicht auf einmal zu erfassen. Sie täuscht selten; selbst getreue Kopien alter Klingen verraten sich meist in einem Detail der Form (siehe Die Form (Sugata)). Das Gewicht in der Hand gibt einen Hinweis, doch die Regel „leicht heißt alt, schwer heißt jung“ hat so viele Ausnahmen, dass sie allein nichts taugt.
Beim Stahl ist Vorsicht geboten, denn sein Aussehen hängt stark von der Politur ab: von ihrem Alter, von der Hand des Polierers und vom Finish. Man achtet besser auf das, was die Politur nicht verändert, auf Dichte und Muster des hada: Ein gleichmäßiges hada über die ganze Klinge spricht für einen guten Schmied. Die Härtung schließlich prüft man, indem man die Klinge gegen das Licht bewegt, denn ihre Aktivität zeigt sich nur in bestimmten Winkeln (siehe Die Härtung vor Augen).
Wie man eine Klinge hält und betrachtet
Der japanische Brauch verlangt eine Geste vor dem Ziehen: eine leichte Verbeugung vor dem Schwert. Dann zieht man die Klinge langsam mit der Schneide nach oben heraus und lässt den Rücken an der Innenseite der Scheide gleiten, damit die Schneide das Holz nicht berührt. Für ein gründliches Studium entfernt man den Bambusstift (mekugi, 目釘), nimmt Griff und Klingenmanschette (habaki, 鎺) ab und hält die Klinge an der Angel, mit einem Tuch oder dünnem Papier zwischen Hand und Stahl.
Das Licht ist das Werkzeug. Form und Farbe des Stahls sieht man gut bei diffusem Licht, doch die Aktivität der Härtung (nie, nioi und ihre Muster) erscheint erst, wenn man die Klinge gegen ein gebündeltes Licht neigt und sie langsam bewegt, vom Ansatz bis zur Spitze und auf beiden Seiten. Jeder Abschnitt der Klinge verlangt seinen eigenen Winkel, und der Anfänger, der die ganze Klinge mit einem Blick erfasst, übersieht fast alles.
Zwei Regeln des gesunden Menschenverstands: Den Stahl berührt man nicht mit den Fingern, weil das Fett der Haut ihn fleckig macht und rosten lässt, und man fährt mit nichts über seine Oberfläche, ohne zu wissen, was man tut (siehe Politur und Pflege). Der Polierer und Kenner Nagayama Kōkan fügte eine dritte hinzu, an die die europäische Zweigstelle des NBTHK erinnert: vor der Prüfung einer Klinge allen Besitzern zu danken, die sie bis heute bewahrt haben.
Omote und ura: die beiden Seiten
Jede Klinge hat eine Vorderseite, das omote (表), und eine Rückseite, das ura (裏). Das omote ist die Seite, die beim Tragen nach außen zeigt, und da die beiden großen Trageweisen entgegengesetzt sind, ist es auch die „äußere“ Seite.
Das tachi hing mit der Schneide nach unten am Gürtel: Seine Außenseite ist das haki-omote (佩表), die Innenseite das haki-ura (佩裏). Die Katana steckt mit der Schneide nach oben im obi: Ihre Außenseite ist das sashi-omote (差表), die Innenseite das sashi-ura (差裏). Der Schmied signiert auf der Außenseite; legt man beide Klingen mit der Spitze zur selben Seite, liegt die Signatur also auf entgegengesetzten Seiten der Angel: Das ist der Unterschied zwischen tachi-mei (太刀銘) und katana-mei (刀銘). Deshalb zeigen japanische Museen das tachi mit der Schneide nach unten und die Katana mit der Schneide nach oben: So sieht der Besucher immer die signierte Seite.
Die Regel hat Ausnahmen, denn manche Schmiede signierten tachi auf der anderen Seite. Die Seite der Signatur gibt einen Hinweis, entscheidet aber nicht allein, ob eine Klinge als tachi oder als Katana gefertigt wurde: Das letzte Wort hat die Form. Das Datum, wenn es eines gibt, steht meist auf dem ura.
Die meistgenannten Ausnahmen sind Yukihira aus Bungo, der seine tachi gewohnheitsmäßig auf dem haki-ura signierte, und viele tachi der Aoe-Schule aus Bitchū, die auf der Innenseite signiert sind. Eine gekürzte Klinge behält zudem ihren Typ, solange sie ihre Signatur behält: Ein an der Angel gekürztes tachi (suriage, 磨上), das sie noch trägt, bleibt ein tachi; hat die Kürzung sie mitgenommen, wird es als Katana behandelt; und eine stark gekürzte, zum Schwert umgearbeitete naginata wird zur Katana oder zum wakizashi.
Auch haben die beiden Seiten nicht immer dieselbe Härtelinie, und das ist nicht zwingend ein Fehler. Nach der Erfahrung der Werkstätten gibt es vier Ursachen: eine ungleichmäßige Härtung, häufig bei alten Klingen und selten im shintō; eine Seite, die durch die Politur stärker abgetragen ist als die andere; ein nicht symmetrischer Aufbau der Stähle; und, selten, die Absicht des Schmieds. Der berühmte Fall für Letzteres ist das Konotegashiwa (児手柏), ein kodachi von Kanenaga aus der Tegai-Schule in Yamato, aus der späten Kamakura-Zeit, mit einer gewellten Härtelinie auf dem omote und einer geraden auf dem ura. Den Namen gab ihm Hosokawa Yūsai, nach einer Pflanze, die ein Gedicht des Man'yōshū (万葉集) als Bild für doppelzüngige Menschen gebraucht. Deshalb wird die Härtelinie immer mit Blick auf beide Seiten beurteilt.
Das nakago als Dokument
Die Angel wird nie poliert (siehe Anatomie der Katana) und bewahrt deshalb, was der Rest der Klinge durch die Polituren verloren hat: die Oberfläche, die der Schmied hinterließ, seine Feilstriche und Jahrhunderte von Rost. Ein nakago prüft man mit der Hand und mit den Augen: das Gefühl, die Patina, den Zustand der Löcher, die Feilstriche, die Form des Endes, die Ausführung des Rückens und, wenn es eine Signatur gibt, neben dem, was sie sagt, die Richtung, in der der Meißel bei jedem Strich eindrang.
Die Patina
Die sabi (錆), die Rostpatina der Angel, hilft beim Datieren und Authentifizieren. Es gibt keine „richtige“ Farbe, die für alle Klingen gilt; erkennen lässt sich dagegen künstliche Patina. Verdächtig sind Rost, der sich nicht gesetzt hat und für das der Klinge zugeschriebene Alter zu jung wirkt; eine raue oder feinkörnige Oberfläche, wie Chemikalien sie hinterlassen; eine Farbe in ungleichmäßigen Flecken; eine gerade Grenzlinie zwischen verrosteter und blanker Zone, ohne natürlichen Übergang; und manchmal ein Geruch, der anders ist als der von gewöhnlichem Rost. Eine zweifelhafte Patina macht eine gute Signatur verdächtig. Und echte Patina wird nie gereinigt: Mit ihr geht Information verloren, die nicht wiederkommt.
Über die Farbe sind sich die Kenner nicht einig: Manche Werkstätten halten eine schwarze, dichte Patina für das Zeichen guten Stahls, für andere ist die richtige rotbraun, schokoladenfarben, nie schwarz. Deshalb lohnt es sich eher, nach den Zeichen einer künstlichen Patina zu suchen als nach einer Farbe.
Die Feilstriche
Das yasurime (鑢目) raut die Angel auf, damit sie im Griff nicht rutscht. Jeder Schmied machte es auf seine Weise, mit Feilen, die er selbst herstellte, und deshalb hilft es, Schulen und Schmiede zu unterscheiden. Feilstriche, die entgegen der üblichen Richtung geneigt sind, das katte-agari (勝手上り), sind typisch für linkshändige Schmiede und wiegen bei einer Zuschreibung schwer. Die Zierfeilung, das keshō-yasuri (化粧鑢), die mit den anderen kombiniert wird, erscheint in der zweiten Hälfte der shintō-Zeit und hilft beim Datieren (die Arten der Feilstriche stehen in Anatomie der Katana).
Die Löcher
Das Stiftloch (mekugi-ana, 目釘穴) erzählt das Leben der Klinge. Ein einziges deutet meist auf eine originale Angel; mehrere auf Neumontierungen oder eine Kürzung, wobei manche Klingen des Bakumatsu, manche Lanzen und Klingen für iai von Anfang an zwei haben können. Neben der Zahl zählt die Form: ein zum Oval gezogenes Loch (urizane), zwei zu einer Kürbisform verschmolzene (hyōtan, 瓢箪), eines, das ein anderes in Herzform überschneidet (inome, 猪の目), oder eines, das mit weichem Metall verschlossen ist (semegane), sind fast immer Spuren aufeinanderfolgender Montierungen, kein Entwurf; das quadratische (masugata, 枡形) ist eine altertümliche Form. Sesko hat eine Einteilung dieser Formen aus dem Jahr 1806 untersucht, doch der Gedanke genügt: Die Form des Lochs ist Geschichte.
Was außer dem Namen eingraviert wird
- Das Datum (nenki, 年紀), mit dem Namen der Ära (nengō, 年号), meist auf dem ura.
- Der Besitzer: eine Besitzinschrift (shoji-mei, 所持銘) nach dem Muster „im Besitz des Fürsten Soundso“.
- Der Auftrag (chūmon-mei, 注文銘): für wen die Klinge geschmiedet wurde.
- Das Alter des Schmieds (gyōnen-mei, 行年銘), oft zu einem besonderen Geburtstag und auf traditionelle Weise gezählt (kazoedoshi, 数え年): Man wird mit einem Jahr geboren und zählt an jedem Neujahr eines hinzu.
- Das Ergebnis eines Schnitttests (tameshi-mei, 試銘), manchmal in Gold eingelegt. Was dieser Test war und wer ihn durchführte, steht in Ränge, Schneidproben und Titel.
Zuschreibungen von fremder Hand
Nicht alles, was auf einer Angel steht, hat der Schmied geschrieben. Auf unsignierten oder gekürzten Klingen hinterließen Kenner ihr Urteil auf der Angel selbst: in Gold eingelegt (kinzōgan-mei, 金象嵌銘), fast immer von den Hon'ami; in rotem Lack (shu-mei, 朱銘); oder in Lack mit Goldstaub (kinpun-mei, 金粉銘). Es sind Zuschreibungen, keine Signaturen, und sie werden auch so beurteilt: Eine Goldeinlage kann sogar entfernt werden, wenn die Zuschreibung nicht mehr überzeugt. Aus demselben Grund braucht es, bevor man eine zweifelhaft wirkende Signatur „bereinigt“, mehrere Meinungen: Eine ungewöhnliche Signatur kann ein örtlicher Brauch sein, den niemand rechtzeitig erkannt hat, und wer sie abschabt, zerstört das Dokument.
Warum es gute unsignierte Klingen gibt
Eine unsignierte Klinge (mumei, 無銘) ist deswegen keine geringere Klinge. Es gibt zwei sehr verschiedene Arten. Die ubu-mumei (生ぶ無銘) hatte nie eine Signatur: Der Schmied hat keine gesetzt. Die andere hat sie verloren: Wird eine Klinge an der Angel stark gekürzt (ō-suriage, 大磨上), verschwindet der signierte Teil. Im zweiten Fall wurde die Signatur manchmal gerettet, indem man sie ausschnitt und in die neue Angel einsetzte (siehe Anatomie der Katana), oder ein Kenner hinterließ seine Zuschreibung in Gold oder Lack.
Der berühmteste Fall ist Masamune. Nur wenige von ihm signierte Klingen sind anerkannt, darunter das Fudō Masamune, das Kyōgoku Masamune und das Daikoku Masamune, und fast das gesamte ihm zugeschriebene Werk ist mumei. Warum er so selten signierte, weiß man nicht. Der Mangel an Signaturen nährte in der Meiji-Zeit sogar die These, Masamune habe nie existiert, die die signierten Klingen widerlegen (siehe Berühmte Schwerter und Legenden).
Für Klingen, die nie signiert wurden, gibt es mehrere Erklärungen, alle Hypothesen: dass ein Schmied aus Ehrfurcht eine Weihgabe an einen Tempel oder Schrein oder eine Klinge für einen großen Fürsten nicht signierte; oder dass es in manchen Werkstätten üblich war, wenig zu signieren. Keine gilt für alle Fälle. Sicher ist, dass die Zuschreibung ohne Signatur ganz von der Klinge abhängt, und genau dort leistet das Kantei seine Arbeit: NBTHK-Papiere schreiben mumei-Klingen einem Schmied oder einer Schule zu und sagen das auch so, als Zuschreibung.
Einige Fälle veranschaulichen diese Erklärungen. Die Schwerter, die der Schrein von Ise alle zwanzig Jahre mit seinen übrigen Schätzen bei der Zeremonie der Überführung (shikinen sengū, 式年遷宮) erneuert, wurden jahrhundertelang ohne Signatur gefertigt; unter Schmieden erzählt man, ein moderner Schmied, als Lebender Nationalschatz anerkannt, habe als Erster das seine signiert, wie jemand, der für sein Werk einsteht. Der Schrein Kasuga Taisha in Nara bewahrt tachi, die ihm der Adel seit der Heian-Zeit geweiht hat; man erzählt von einem unsignierten im Stil des alten Bizen, das dort Jahrhunderte verbrachte, bevor es neu poliert wurde, und im selben Schrein wurde 2017 ein langes tachi aus der späten Heian-Zeit bestimmt, den frühesten Schmieden von Hōki zugeschrieben. Viele Klingen aus Yamato, für die großen Tempel gefertigt, wurden ebenfalls nicht signiert, und manche Schulen signierten nur mit dem Namen der Gruppe, etwa die Ichimonji aus Bizen, manchmal mit einem einzigen Strich (一, ichi), oder die Gassan-Schule.
Andere Male wurde die Signatur absichtlich entfernt. Als die Tokugawa die Klingen von Muramasa mit Argwohn zu betrachten begannen, tilgten oder veränderten manche Besitzer seine Signatur. Man erzählt auch von daimyō, die die Signatur eines Familienerbstücks abschabten, damit der shōgun es nicht einforderte, und von Signaturen kleinerer Schmiede, die getilgt wurden, um die Klinge als ō-suriage eines großen Namens auszugeben. Vor einer unsignierten Angel stellt sich die Frage daher immer dreifach: ob sie nie eine Signatur hatte, ob sie beim Kürzen verloren ging oder ob jemand sie entfernt hat.
Das oshigata: eine Lesart, kein Foto
Ein oshigata (押形) ist eine Abreibung der Klinge: Umriss und Angel mit der Signatur entstehen, indem man feste Tusche über dünnes, auf den Stahl gelegtes Papier reibt; das hamon wird danach von Hand gezeichnet, mit Blick auf die Klinge. Es ist eine Praxis, die es nur in Japan gibt.
Sie begann in der Muromachi-Zeit mit Zeichnungen von Signaturen und Angeln, wohl um das Erkennen gefälschter Signaturen zu lehren. In der Momoyama-Zeit hielt sie auch Form und Härtung fest; das berühmteste Beispiel jener Zeit ist das von Hon'ami Kōtoku mit den Klingen Toyotomi Hideyoshis. Das heutige Verfahren mit einer festen Tusche namens sekkaboku (石華墨), anfangs aus China eingeführt, bildete sich am Ende der Edo-Zeit heraus, und in der Meiji-Zeit begann man, das hamon mit Bleistift und genauer zu zeichnen. Das Papier wird mit Gewichten gehalten, nie mit Magneten, die die Klinge magnetisieren würden.
Die Fotografie hat ihm einen Großteil seiner Rolle abgenommen, doch das oshigata lebt im Studium, in den Referenzwerken und in den Prüfungen weiter. Ein hamon gut zu zeichnen ist schwer, und nur wenige können es, vor allem Polierer. Und hier liegt seine Grenze: Ein oshigata ist die Lesart eines Menschen. Sesko hat mehrere oshigata ein und derselben Klinge veröffentlicht, von Experten angefertigt, die weder im Verlauf des hamon noch in seiner Aktivität noch in der Spitze übereinstimmen. Es kommt darauf an, wie vertraut der Zeichner mit dem Schmied ist, auf die Politur (bei einer frischen Politur treten manche Details stärker hervor, und die Klinge „beruhigt sich“ mit den Jahren) und auf den Zeichner selbst. Ein oshigata hilft beim Studium, ersetzt aber weder die Klinge noch ein gutes Foto.
Die Wörter des Kantei: Bilder und Eleganz
Das Vokabular des Kantei klingt nach Dichtung und verwirrt den Anfänger. Es gibt einen Grund dafür: Nicht Metallurgen haben es geschaffen, sondern gebildete Liebhaber, die in Bildern beschrieben, was sie sahen. Dahinter steckt Wissenschaft, denn die Aktivität der Härtung (hataraki, 働き) besteht aus Martensitbildungen, mit großen Kristallen im nie und winzigen im nioi, doch die Namen stammen aus der Landschaft:
| Begriff | Das Bild | Was es ist |
|---|---|---|
| sunagashi (砂流し) | fließender Sand | Schlieren aus nie entlang des hamon, wie das Muster, das vom Wasser mitgerissener Sand hinterlässt |
| kinsuji (金筋) | Goldfäden | kurze, glänzende Linien aus nie in der Härtung, die den Stahllagen folgen; Gold enthalten sie nicht |
| inazuma (稲妻) | Blitz | eine feine Linie, die im Zickzack durch nie oder nioi läuft |
| yubashiri (湯走り) | laufendes heißes Wasser | Flecken aus nie oder nioi, die sich vom hamon lösen und zum Klingenkörper hin liegen |
| imozuru (芋蔓) | Süßkartoffelranke | ein dickes, langes und mattes kinsuji, das man mit Klingen aus Satsuma verbindet |
| mizukage (水影) | Schatten im Wasser | ein utsuri, das schräg von der Basis der Klinge aufsteigt; man verbindet es mit dem Nachhärten (saiha), doch allein beweist es das nicht, denn die Schule von Horikawa Kunihiro zeigt es auf Originalklingen |
Die Bilder bringen auch Legenden hervor. Sunagashi entsteht nicht, indem man Sand in den Härtelehm wirft, wie man manchmal hört, und das mizukage markiert nicht den Wasserstand im Becken. Selbst die Namen haben ihre Lesart: Manche hören in imozuru einen Anflug von Spott über Satsuma, das Land der Süßkartoffeln, andere nehmen es als Lob für das Geschick seiner Schmiede.
Wie diese Erscheinungen entstehen und wie sie aussehen, steht in Die Härtung vor Augen; hier interessieren sie als Wörter des Kantei.
Die andere Familie ist die der Eleganz, nützlich zum Lesen der Beschreibungen des NBTHK. Es sind gewöhnliche japanische Wörter, die die Sprache des Schwertes mit eigenen Nuancen gebraucht, und Sesko hat sie eines nach dem anderen untersucht:
- kōga (高雅): edel und verfeinert; gesagt von den tachi der mittleren und späten Heian-Zeit und der Kamakura-Zeit.
- koga (古雅): die Eleganz, die das Alter verleiht.
- fūga (風雅): die eines persönlichen, gesuchten Geschmacks.
- tenga (典雅): klassisch und korrekt.
- yūga (優雅): die, die der Künstler erreicht.
- kanga (閑雅): ruhig und zurückhaltend; gesagt etwa von einer schlichten geraden Härtung bei einem Schmied, der sonst auffällig arbeitete.
Das Kantei-Spiel
Das nyūsatsu kantei (入札鑑定), das „Kantei per Gebot“, ist die traditionelle Art, das Auge zu schulen. Mehrere Klingen werden mit verdeckter Angel vorgelegt; jeder Teilnehmer schreibt sein „Gebot“ auf, den Namen des Schmieds, den er für den Urheber hält, und der Richter antwortet mit einer festen Formel, die ihm sagt, wie nah er gekommen ist. Mit diesem Hinweis bietet er erneut; üblich sind bis zu drei Gebote pro Klinge.
| Antwort | Was sie bedeutet |
|---|---|
| atari (当り) | Treffer: Es ist dieser Schmied |
| dōzen (同然) | „so gut wie“: der Meister, ein Schüler oder jemand aus der Familie des Schmieds; gilt als richtig |
| kuni-iri (国入り) | die Provinz stimmt, der Schmied nicht |
| tōri (通り) | eine andere Provinz, aber aus derselben großen historischen Region, einer der Straßen des alten Kreissystems (goki-shichidō, 五畿七道) |
| jidai-chigai (時代違い) | die Epoche ist falsch |
| iya (イヤ) | daneben |
Der Kern ist allen gemeinsam, doch die genauen Bezeichnungen und die Punktwertung wechseln von Verein zu Verein. In der Regel zählt ein Treffer im ersten Anlauf mehr als im zweiten, und ein dōzen etwas weniger als ein atari.
Das Spiel ist alt. Die Hon'ami empfahlen es in der Edo-Zeit als Übung, und sichere Belege gibt es mindestens seit dem Bakumatsu: Sesko hat die Listen zweier Sitzungen von 1860 und 1861 untersucht, die ein Samurai aus Satsuma aufbewahrte, mit den Besitzern, die ihre Klingen vorlegten, Richtern, die sich abwechselten, den in roter Tusche notierten Punkten und einem Sieger. Der Ablauf ist fast derselbe wie heute.
Der NBTHK pflegt es auf zwei Arten. Bei seinem monatlichen Studientreffen (teirei kanshōkai, 定例鑑賞会), am zweiten Samstag jedes Monats im Museum des japanischen Schwertes in Tokio, werden Klingen zum Kantei vorgelegt, und danach wird jede Antwort mit ihrer Begründung veröffentlicht. Und in seiner Zeitschrift bringt das shijō kantei (誌上鑑定), das „Kantei auf dem Papier“, jeden Monat die Daten und das oshigata einer Klinge ohne Signatur; die Mitglieder schicken eine Stimme ein, und die Lösung erscheint in einer späteren Ausgabe.
Die übliche Warnung: Viele Treffer heißen nicht, dass man die Klinge versteht. Geschult wird der Blick, und man lernt ihn, indem man Gelesenes mit Gesehenem verbindet und die fragt, die es wissen.
Schneide und Schnitt: warum man eine Klinge nicht nach dem beurteilt, was sie schneidet
„Wie gut schneidet sie?“ ist die Frage, die man am häufigsten hört, und die, die am wenigsten sagt. Der Schnitt hängt vom Winkel der Schneide ab, davon, wie scharf sie ist, von der Härte der Härtung, die mit der Zähigkeit im Gleichgewicht stehen muss, weil eine sehr harte Schneide spröde ist, und von Form und Krümmung der Klinge. Und fast all das ändert sich mit jeder Politur.
Die japanische Klinge sucht nicht die schärfste mögliche Schneide. Ihre Flächen wölben sich zur Schneide hin, mit „Fleisch“ (niku, 肉), zu dem, was man hamaguri-ba (蛤刃) nennt, die „Muschelschneide“. Eine solche Schneide ist stumpfer und schneidet für sich genommen weniger als eine mit flachen Flächen; dafür ist sie widerstandsfähiger, und die Wölbung des Querschnitts verringert die Reibung und lässt die Klinge tief eindringen, ohne stecken zu bleiben. Wer einer alten Klinge Fleisch nimmt, damit sie besser schneidet, verbraucht sie für immer.
Das ist keine theoretische Warnung. Manche, die das Schneiden von Matten üben (tameshigiri, 試し斬り), schleifen alte Klingen dünner, um ihnen Fleisch zu nehmen, damit sie besser ins Ziel dringen, und zerstören sie damit: Was abgetragen wird, kommt nicht zurück, und eine jahrhundertealte Klinge wird zum abgenutzten Werkzeug. Für das Mattenschneiden macht man eine neue Klinge; die alte wird bewahrt.
Deshalb prüft das Kantei die Klinge nicht: Es studiert sie. Form, Stahl und Härtung sagen mehr über eine Klinge als jeder Versuch, und sie nutzen sie nicht ab. Die historischen Schnitttests, ihre Inschriften und die daraus hervorgegangenen Schmiedelisten stehen in Ränge, Schneidproben und Titel.
Kurze Geschichte der Gutachter
Die ältesten erhaltenen Schwertbücher sind Verzeichnisse von Schmieden und Signaturen, die mei-zukushi (銘尽). Bis 2017 galt als ältestes das Kanchiin-bon (観智院本), benannt nach dem Kanchiin, einem Untertempel des Tō-ji in Kyoto, aus dem es stammt: eine Abschrift von 1423 von Material, das um 1316 gesammelt wurde, mit Schmiedelisten, Stammbäumen der Schulen und Zeichnungen von Angeln. In jenem Jahr tauchte im Archiv der Familie Ryūzōji in der Präfekturbibliothek von Saga ein mei-zukushi auf, 1351 auf die Rückseite einiger Entwürfe kopiert; es ist heute das älteste bekannte.
Die Hon'ami (本阿弥) waren die große Gutachterfamilie. Die Überlieferung führt sie auf Myōhon (gest. 1353) zurück, der dem shōgun Ashikaga Takauji diente. Hon'ami Kōtoku (gest. 1619), neuntes Familienoberhaupt, erhielt von Toyotomi Hideyoshi zu Beginn der Keichō-Ära die Befugnis, Schwerter zu begutachten und Zertifikate auszustellen, die origami (折紙), und von da an war die Familie während der gesamten Edo-Zeit die Autorität des Kantei. 1611 entstand das Kokon mei-zukushi (古今銘尽), das mit seinen vielen Auflagen die Schwertkunde unter den Samurai verbreitete. Und das dreizehnte Oberhaupt, Hon'ami Kōchū, stellte mit seiner Familie im Auftrag des shōgun Tokugawa Yoshimune das Kyōhō meibutsuchō (享保名物帳) zusammen, das Verzeichnis der berühmten Schwerter (siehe Berühmte Schwerter und Legenden; ein origami von Kōchū ist in NBTHK-Papiere abgebildet).
In der Moderne gründete Hon'ami Kōson (1879–1955), Polierer und Forscher, 1914 eine Gesellschaft zum Studium des Schwertes, brachte dieses Studium einem breiten Publikum nahe und gab der Einteilung in fünf Traditionen ihre endgültige Form (siehe Das gokaden und die Schulen). Nach dem Krieg gehörten Honma Junji (1904–1991), Fachmann für alte Klingen, und Satō Kan'ichi (1907–1978), Fachmann für shintō, unter ihren Künstlernamen Kunzan und Kanzan als „die beiden san“ (ryōzan, 両山) bekannt, zu denen, die die Besatzungsbehörden überzeugten, dass das japanische Schwert Kunst und nicht bloß eine Waffe sei. 1948 entstand der NBTHK, in dem beide zentrale Gestalten waren.
Die Gutachter selbst warnten vor den Grenzen ihrer Dokumente. 1956 wies Satō Kanzan in der Zeitschrift des NBTHK darauf hin, dass gefälschte sayagaki (鞘書), auf die Holzscheide geschriebene Gutachten, mit seinem Namen im Umlauf waren, und bat, niemand solle wegen eines sayagaki kaufen, sondern nach dem Blick auf die Klinge. Um 1800 ließ ein Kaufmann von den Hon'ami ein mit „Masamune“ signiertes tantō prüfen: Es stammte von einem anderen Schmied gleichen Namens aus Mino und hatte obendrein einen Riss in der Schneide. Weder Signatur noch Dokument ersetzen die Klinge.
Zum Weiterlesen
- Markus Sesko · die Reihe KANTEI Empfohlene Lektüre, auf Englisch: Artikel in der klassischen Reihenfolge, von der Form über Stahl, Härtung und Spitze zu den Schulen. Die Reihe endet bei Yamashiro.
- Study of Japanese Sword · der Umgang mit einer Klinge Schritt für Schritt, auf Englisch und mit Fotos: wie man eine Klinge zieht, hält und betrachtet.
- Tōken Kenkyū Rengōkai · das nyūsatsu kantei Eine japanische Studienvereinigung erklärt das Spiel und die Antworten des Richters. Auf Japanisch.
- Japanische Wikipedia · oshigata Geschichte der Schwertabreibung, von den Zeichnungen der Muromachi-Zeit bis zum Bleistift der Meiji-Zeit. Auf Japanisch.
- Japanische Wikipedia · das japanische Schwert Der Referenzartikel; sein Abschnitt über die Betrachtung fasst zusammen, worauf man schaut und in welcher Reihenfolge. Auf Japanisch.
- NBTHK Die Gesellschaft, die die Papiere ausstellt, mit ihrem Schwertmuseum und ihren Studientreffen. Auf Japanisch.